Jetzt holen wir uns mal gemeinsam einen runter!



Veröffentlicht am 16. März 2015 von

Gerd meister

Gerd Meister

Zu Beginn der Edathy-Affäre hatte ich in einer kleinen Satire Überlegungen zum Hype um Kinderpornografie angestellt. Die waren genauso polemisch wie das, was jetzt folgt, und jedes Wort sollte unbedingt ernst genommen werden.

Kleine Kinder haben kein Bewusstsein für das, was sich nach Ansicht der Erwachsenen nicht gehört. Sie pupsen z.B. hemmungslos in der Öffentlichkeit. Schaut man sie danach mit gerümpfter Nase an, lächeln sie einen ohne jedes Unrechtsbewusstsein freundlich an. Im fortgeschrittenen Kindergartenalter entwickelt sich sodann langsam ein gewisses Gefühl dafür, dass sich Pupsen in der Öffentlichkeit nicht gehört. Passiert ihnen dennoch mal ein – nunmehr als peinlich empfundenes – Missgeschick, entwickeln sie schnell Abwehrmechanismen. Sie zeigen mit dem Finger auf ein anderes Kind. Nicht ich war´s, sondern die/der da!!! Die Strategie ist leicht zu durchschauen und wendet sich letztlich gegen den eigentlichen Pupser. Daher das Sprichwort: Wer es hat zuerst gerochen, dem ist es aus dem A….. gekrochen. Ein weiteres Beispiel: „Frau Lehrerin, der/die hat gepetzt!“ Prompt folgt die entlarvende Reaktion des so Denunzierten mit der Antwort: „Selber Petze!“

Strategien der Ablenkung finden sich auch bei Erwachsenen. Es spricht sogar eine gewisse Vermutung dafür, dass die Kinder entsprechende Strategien von den Älteren lernen.

Zum Beispiel:

Erwachsene, die selber gerne mal am Stammtisch ein Schnäpschen zu viel trinken, sind besonders sensibel bei der Feststellung von Alkoholismus bei anderen. Da sitzt z.B. der Sepp mit seinen Stimmungskumpanen im „Goldenen Hirsch“ oder in der Kneipe „Zum fröhlichen Facebock“ beim Frühschoppen und lästert über den Maier. Schwankend erhebt er sich von seinem Stuhl und macht eine eindeutige Geste, indem er seine geschlossen Hand vor seiner Nase dreht. „Ja, der Maier, der hat ein echtes Alkoholproblem! Seine Liesel wird von ihm bestimmt regelmäßig verbimmst, und Geld hat er anscheinend auch keins, der alte Säufer. Oder hat den hier jemand in den letzten Monaten mal beim Stammtisch gesehen? Der versäuft doch sein Hartz IV mit Aldi-Dosen-Bier.“ … „Hey, das reimt sich sogar. Wir sind halt ein Volk der Dichter und Denker! Jungs, darauf trinken wir noch einen! Prost, hau weg die Scheiße!“

Oder ein anderes Beispiel für Ablenkung, die wir an dieser Stelle auch Projektion nennen wollen: Wer hasst Schwule am meisten? Na die, die große Angst haben, man könnte sie selbst als schwul enttarnen. So jedenfalls war es bei J. Edgar Hoover. Und mal ganz ehrlich: Was ist von der Homophobie des Genossen Putin zu halten? Wie er sich ständig mit nacktem Oberkörper abbilden lässt. Diese Pose. Klingelt´s da bei irgendjemandem? Sie verstehen, worauf ich hinaus will?! Und was Putin angeht, sind wir uns einig, stimmt´s?

Kann man den Gedanken der Projektion auch auf das Edathy-Verfahren und das Thema Kinderpornographie übertragen? Natürlich – hoffe ich – nein!!! Aber der Gedanke wäre schon erschreckend, bei so viel Lustempörten, die jetzt lauthals kreischend aus dunklen Löchern ans Tageslicht kriechen und sich zu Wort melden. Wer schreit da am lautesten? Wer ist da so furchtbar wütend und enttäuscht über die deutsche Justiz, und welche Schlüsse soll man daraus ziehen?

Hunderttausende Wutbürger, die die Online-Petition „Widerspruch gegen die Einstellung des Verfahrens Edathy“ unterschreiben. Man ruft ihnen zu: „Gewaltenteilung!“ Umgehend rufen sie mit hochrotem, erigiertem Kopf zurück: „Ja, teilt ihn mit Gewalt- die Sau! Wo bleibt unser Jihadi John, mit seinem Säbel.“ Man legt die Hände trichterförmig an den Mund und brüllt zurück: „Aber den Jihadi John fandet ihr doch vor ein paar Wochen noch genauso empörend wie diesen Edathy?“, und sie kreischen ihre Antwort unisono: „Jetzt verwechsele mal nicht Äpfel mit Birnen – du Spaßbremse.“ Von den Bedächtigeren schallt es etwas leiser rüber: „Wenigstens den Säbel könnte er uns doch mal kurz leihen!“

Aber es gibt auch die Hartgesottenen, z.B. diesen Käppie-Stotterer Jan Leyk, ein echter Promi, der sogar schon bei Big Brother in einer unvergesslichen Glanzrolle aufgetreten ist. Der will dem Edathy mit bloßen Händen die Eier rausreißen – schreibt er auf Facebook. Mit bloßen Händen, wie Obelix die Wildschweine erledigt hat. Vielleicht steht er ja auf Obelix – oder Eier, wer weiß.

Und dann der Intellektuelle unter den deutschen Schauspielern, der mit dem knackigen Arsch, den er so gerne in die Kamera hält – oder war es sein Gesicht. Keine Ahnung, für solche Feinheiten bin ich kein Experte, und letztlich kommt es ja nur darauf an, was er so vor sich hinnuschelt und nicht mit welchem Körperteil er das tut, oder? Wie sagte einst unser Alt-Bundeskanzler Kohl: Es kommt darauf an, was hinten rauskommt. Jedenfalls immer mit vorne dabei – der/das Arsch/Gesicht von Till – wenn die Volksseele sich erbricht, oder sollte man sagen ejakuliert?

Juhu! Der Kinderschutzbund hat die Geldauflage von 5.000 € abgelehnt. Ein mutiges Zeichen. Richtig so. Denn dieser „Dings…bund“ hat ja genug Geld, weil alle die, die sich jetzt so furchtbar aufregen, schon immer fleißig für die lieben Kleinen gespendet haben. Nein, Sepp. Wir sind nicht nur das Volk der Dichter und Denker. Wir sind das Volk der Kinderliebhaber, und wir hassen, hassen, hassen, diejenigen Dreckschweine, die  Kindern nicht lieben!!! „Recht so!“, sagt da der Sepp und hebt wieder sein Glas in die Runde.

„Aber Sepp …“

„Du hältst jetzt mal die Goschen! Eh wir hier noch anfangen zu denken, trinken wir erst einmal einen auf … eh … uns und … die Würde, ja ganz richtig, die Würde unsere armen Kinder. Jawoll! Hoch die Tassen!“

„Sepp, ich will´s doch nur verstehen. Hast du letzte Woche nicht noch hier an diesem Tisch gegen das Flüchtlingsheim da in der umgebauten Kaserne gewettert. Zurück mit den islamischen Affen, da wo sie hergekommen sind. Das Boot ist voll und so … Du erinnerst dich?“

„He? Was hat das denn mit Kinderpornographie zu tun?“

„Nun, mit Kinderpornographie nichts, aber in dem Lager leben doch auch liebenswürdige Kinder. Einem armen 4-jährigen, syrischen Mädchen haben sie im Krieg sogar das kleine Bein weggeschossen. Ich glaub, es war das rechte.“

„Sakrament noch mal! Himmelherrgott, was bist du deppert! Glaubst du eigentlich alles, was in der Lügenpresse steht?! Also, jetzt mal für Blöde: Das ungewaschene Gesindel ist hier aus einem einzigen Grund. Die wollen Hartz IV kassieren. Deshalb sitzen die in der Fußgängerzone und betteln. Wegen so einem fehlenden Bein einen auf Mitleid machen, die Zigeuner. Heb mal das Kleid von dem Schmarotzerkind, und – Überraschung – das Bein ist noch da. Wir sind nicht das Sozialamt der Welt, du. Und komm mir jetzt nicht mit Nazis. Ich hab nix gegen Ausländer, wenn sie da bleiben. Im Ausland nämlich!“

„ Sepp!“, sag ich und mache „Pssst“ mit meinem Zeigefinger vor den Lippen: „Du hast der Kleinen unter den Rock geguckt? Ich meine …“

Sepp unterbricht mich schon wieder barsch: „Spinnst du jetzt endgültig! Nicht mal mit ner Beißzange würde ich so eine anfassen.“

Puh! Da bin ich beruhigt. Für einen Moment dachte ich an der Projektionsthese könnte doch was dran sein. Eine letzte Frage habe ich dann aber doch:

„Sag mal, Sepp. Wie bist du eigentlich an die Gerichtsakte von dem Edathy rangekommen. Ich weiß, du bist ein Fuchs. Aber eine Gerichtsakte? Woher weißt du eigentlich, was der Edathy genau gemacht hat. Die Bilder – wie ekelig waren die eigentlich? Ich meine, im Vergleich zu anderen fiesen Bildern von anderen fiesen Typen, deren Verfahren seit Jahren eingestellt werden, ohne dass sich je ein guter deutscher Bürger darüber aufregt hätte?“

Sepp schaut mich mitleidig an und wirft mir seine Bildzeitung zu: „Lies mal die Zeitung, du Ignorant. Dann kannst du demnächst auch mitreden und nicht nur doofe Fragen stellen!“

 

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Kategorie: Stories
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