Berufszeugen sind die schlechteren Zeugen!



Veröffentlicht am 6. Juli 2012 von

Vor einigen Tagen habe ich in einem strafblog-Beitrag die Frage aufgeworfen, ob Uniformierte die besseren Zeugen sind. Ich hatte das Aussageverhalten von 2 Berufssoldaten krisitisiert, die in der Hauptverhandlung erstaunliche Erinnerungszuwächse bekundeten, ohne dass Gericht und Staatsanwaltschaft hierauf besonders skeptisch reagiert hätten. Ein strafblog-Leser, der unter dem Namen „sic!“ auftritt, hat mir dazu einen Kommentar zukommen lassen, den ich nachfolgend (mit leichten Textkorrekturen) an etwas exponierterer Stelle noch einmal wiedergeben will, weil ich diesen für besonders lesenswert halte:

„Es gab vor ein paar Jahren eine Studie zu dem Thema Beobachtung und Erinnerung. Grob zusammengefasst ging es darum, ob der regelmäßige Kontakt mit Erlebens- und Berichtssituationen dabei hilft, sich besser an beobachtete Geschehnisse zu erinnern, und diese korrekter zu beschreiben. Leider find ich die Studie bei einer schnellen Suche nicht, ist wie gesagt, auch schon ein paar Jahre her, die Beschreibung der Studie kann also durchaus ein wenig von der Realität abweichen.

Jedenfalls, die Autoren haben klassische Szenarien nachgebaut, unter anderem Unfallvorgänge, Menschen diese beobachten lassen, und dann in mehreren Zeitabständen (unmittelbar danach, 1 Tag, 3 Tage, 2 Wochen, in der Art) das Beobachtete erfragt. Beurteilt wurde die Abweichung der Beschreibung nach den Auswirkungen, die so etwas in der Realität hätte (wurde beispielsweise ein weißer Mercedes eingesetzt, ist die Abweichung ‘ich sah ein weißes Auto’, also das Nichterinnern der Marke, dichter an der Realität als ‘ich sah einen grünen Mercedes’, das Falscherinnern der Farbe). Zusätzlich hat man bewertet, wie sicher sich die Befragten waren. Dies geschah durch Nachfragen, durchaus auch suggestiver Natur (‘Sind sie sich sicher, dass es nicht auch ein blauer Opel gewesen sein könnte?’). Die Teilnehmer wurden in Berufsgruppen eingeteilt.

Das Ergebnis war relativ überraschend. Polizisten lagen so ziemlich am unteren Ende der Skala. Sie waren zwar ziemlich Spitzenreiter, was die subjektive Sicherheit ihrer Aussage angeht, in der Hinsicht nicht zu erschüttern, aber die Abweichung ihrer Aussagen zur Realität war mit die höchste.

Die Autoren haben das mit Echoeffekten zu erklären versucht. Der Umstand, dass Berufsgruppen, die regelmäßig vergleichbare Vorgänge beobachten, diese wiedergeben müssen, führt zu Überlagerungen von bereits vergangenen Beobachtungen mit aktuellen, die Trennung zwischen den konkret unterscheidbaren Situationen fällt schwerer als bei jemandem, für den eine solche Beobachtung etwas Außergewöhnliches ist.“

Ich habe die Studie auf die Schnelle auch nicht recherchieren können, will aber versuchen, diese noch nachzuliefern. In der Sache decken  sich die von „sic!“ wiedergegebenen Erkenntnisse aber durchaus mit meinen Erfahrungen aus zahlreichen Hauptverhandlungen.


Kategorie: Strafblog
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