Jetzt hau ihr endlich eine rein!



Veröffentlicht am 12. Juni 2012 von

von Jürgen Howaldt

 

Es gibt hin und wieder Indizien dafür, dass Männer und Frauen einfach nicht zueinander passen. Letztlich handelt es sich dabei aber um eine unbewiesene These, und seit Menschengedenken versucht unsere Spezies, an das Gegenteil zu glauben. Deshalb die vielen Kinder. Ich will mich an dieser müßigen Diskussion nicht beteiligen, aber wenn ich morgens die iDötzchen (das schreibt man so! – denken Sie an iTunes,  iPhone , etc.) beobachte, wie sie mit ihren schweren Tornistern an unserem Küchenfenster auf ihrem Weg zur katholischen Grundschule vorbeimarschieren, fällt mir auf, dass sie schon in diesem Alter in geschlechtsspezifische Gruppen sortiert sind, also die mit den rosa Ranzen und Prinzessinnen- oder Pferdeabbildungen und die anderen mit den blauen Ranzen mit T-Rex oder Rennauto-Abbildungen. Und ich will jetzt gar nicht von Gesellschaften anfangen, die noch archaischer strukturiert sind als unsere. Aber mir scheint auch, im fortgeschrittenen Alter übertünchen die  wenigen köstlichen, kurzen (deshalb eben köstlichen) Phasen der Verliebtheit lediglich das Prinzip. Oder warum sprechen wir von Mädels- und Männerabenden, der besten Freundin, den berühmten Männerfreundschaften und von Gesprächen von Mann zu Mann oder Frau zu Frau? Jetzt habe ich mich doch dazu hinreißen lassen, ein gefährliches Terrain zu betreten.  Machen wir es kurz: Frauen ticken einfach anders, und ich hab es aufgegeben, alles verstehen zu wollen! Uups, das habe ich nicht gesagt, noch nicht einmal gedacht, bitte streichen Sie die letzte Bemerkung.

Eigentlich wollte ich Ihnen  von einem wunderbaren, sommerlichen und dennoch ausgearteten Abend erzählen. Ich hatte darüber berichtet (Glückliche Begegnung, die Bremer Stadtmusikanten, Marathon-Man und Captain Picard), dass ich wegen eines Mordverfahrens für zwei Tage nach Bremen musste und meine Lebensgefährtin mitgenommen hatte, um nach den Prozesstagen die alte Hansestadt zu besichtigen. Nach dem ersten Prozesstag schlenderten wir an der Weser entlang, kamen an einer Art Biermeile vorbei und stießen unmittelbar dahinter, kurz neben  einer Weserbrücke, auf ein Restaurantschiff mit dem verdächtigen Namen „Treue“. Über einen steilen Steg gelangten wir zum Schiff. Ehe ich die wenigen Treppen zum Deck hochstieg, klopfte ich an den Bug und stellte mit gerümpfter Nase fest, dass das Boot vollständig aus Beton bestand. Schon wollte ich im Verdacht auf eine Touristenfalle eine andere Location vorschlagen, als Anna unter Hinweis auf einen gerade freiwerdenden Platz direkt an der Reling zum Fluss meine Hand ergriff und mich energisch die Stufen hochzog. Wir nahmen an einem kleinen, schmuddeligen Tischchen Platz, genau zwischen zwei Gruppen von älteren Frauen, die mich von beiden Seiten mindestens so argwöhnisch betrachteten wie ich sie. Mir kam in den Sinn, dass sie wahrscheinlich Mitleid mit Anna hatten, weil sie den Abend mit einem Mann verbringen musste und sich nicht glücklich schätzen konnte, mit (besten) Freundinnen … – na was eigentlich? Wenn ich ehrlich bin, waren die Frauen wohl in meinem Alter, also keinesfalls als älter zu bezeichnen, aber ich habe absolut keinen Bock ehrlich zu sein, wenn ich Geschichten erzähle und schon gar nicht, wenn es irgendwie indirekt auch um mein Alter geht. Rechts saßen drei Damen und links von uns vier, und man muss weder die Zeitschrift Emma kennen, noch die 70iger Jahre erlebt haben, um schnell und sicher die richtige Schublade für unsere Tischnachbarinnen gefunden zu haben. Vielleicht weil Anna ihren Willen durchgesetzt hatte, blätterte ich mit Verdrießlichkeit, die wie ein dicker Popel für jeden sichtbar unter meiner Nase klebte, in der Speisekarte. Anna bestellte gut gelaunt zwei Weißweinschorlen, und ich entdeckte das einzig Interessante an der Karte, schnipste den Popel über Bord und las ihr begeistert vor: Das Schiff war tatsächlich komplett aus Beton gebaut und stammte aus einer 1943 von den Deutschen geplanten Serie von über 70 solcher Betonkähne, die für kriegswichtige Holztransporte aus Skandinavien konzipiert worden waren. Und wir saßen auf einem der letzten drei noch existierenden Exemplare. Während wir uns noch über die physikalische Frage der Verdrängung und warum selbst Betonboote offensichtlich nicht sinken, unterhielten, hörten wir plötzlich Schreie. Die Gespräche auf dem Schiff erstarben und selbst die Kellnerinnen hielten in ihrer Arbeit inne und blickten hinauf zur Brücke, wo soeben ein bizarres Schauspiel begann. Wir sahen eine junge Schwarze von geschätzten 25 Jahren, die mit überschlagender, schriller Stimme einen ebenso alten, athletischen Landsmann anschrie, der sie mindestens um einen Kopf überragte. Der junge Mann, beschämt von dem Hurrikan in dessen Zentrum er sich befand, versuchte einigermaßen gelassen, die Brücke zu überqueren, währenddessen sich die Frau immer wieder vor ihn stellte, mit aufgeregten Fingern zentimeternahe vor seinem Gesicht rumfuchtelte und weiter hysterisch schrie. Mit einer sanften Armbewegung schob er sie zur Seite, um seinen Weg fortzusetzen, wurde aber immer wieder von ihr eingeholt. Sie stellte sich ihm in den Weg und plärrte ihn in einer afrikanischen Sprache an. Jetzt schlug sie ihm die Baseballkappe vom Kopf, und ihre Schreie strichen von der Brücke herab und erzeugten krause Wellen auf der darunterliegenden Weser.

Die Damen an unseren Nachbartischen schüttelten amüsiert den Kopf, lächelten uns an und machten belustigte Bemerkungen darüber, in wessen Haut sie gerade nicht stecken mochten. Spekulationen über den Grund des Streites huschten von Tisch zu Tisch, bis es den Anschein hatte, als rückten die Tische und die daran sitzenden Gäste selbst näher aneinander. Jeder redete plötzlich mit jedem.

Mittlerweile war auch die Biermeile auf das Geschehen aufmerksam geworden, und von Land her ertönte ein missbilligendes, verhalltes und durchaus stadiontaugliches „Buh“,  als die junge Frau dem Mann plötzlich ins Gesicht schlug, so dass seine Kappe erneut zu Boden ging. Sie geiferte unentwegt weiter und stieß ihre ausgestreckten Finger in Richtung seines Gesichts, als wolle sie ihm die Augen ausstechen. Der Mann blieb weiter cool, hob sein Käppie auf und versuchte  ohne Gesichtsverlust seinen Weg über die Brücke. Er gewann einige Meter Vorsprung, bis ihn die Frau einholte und unter dem raunenden Protest der Biermeile kreischend auf seinen Rücken sprang und auf seinen Kopf einschlug.

Jetzt sprang Anna auf und sagte, das könne sie sich nicht länger ansehen, wir sollten sofort rauf zur Brücke, ehe noch etwas Schlimmes passiere, und in diesem Moment löste sich die Frau vom Mann, rannte ihm wie eine Furie voraus, nahm Anlauf und sprintete auf das Geländer zu, um sich vor seinen Augen die 15 m hinab in die Weser zu stürzen. Obwohl ihr Anlauf vielleicht nur 3-4 Meter betrug, begann die Zeit plötzlich langsamer zu laufen. Wir waren starr vor Schreck, und ich hatte den Eindruck, als rechnete jeder auf unserem Schiff aus, wo die Frau ins Wasser aufschlüge und ob wir mit einem Sprung vom Deck des Schiffes eine Chance hätten, sie zu retten. Unisono stöhnte die Menge – und wir auf dem Schiff –  entsetzt auf, als sich die Frau bereits im Sprung am Geländer festklammerte und ihren Oberkörper theatralisch schluchzend über die Brüstung beugte. Inzwischen hatte der junge Schwarze sie an den Schultern gepackt und versuchte sie, beruhigend in den Arm zu nehmen. „Jetzt reicht´s aber wirklich!“, hörte ich eine Dame vom Nachbartisch sagen, aber es reichte noch immer nicht. Die Frau entwand sich der Umarmung und biss den Mann, der erschrocken zurückzuckte, wütend in den Arm. Spätestens jetzt waren unsere Tischnachbarinnen sich einig, und ich hörte einheitliche Zustimmung, als eine Dame echauffiert ausrief: „Jetzt hau ihr endlich eine rein!“ Als hätte der Mann die Aufforderung gehört, gab er der Frau eine mittelprächtige Ohrfeige, die mit allseitigem Jubel vom Ufer her begrüßt wurde. Die Frau hielt sich Wange, während ihr der Mann seinen blutigen Arm zeigte. Die Situation beruhigte sich, und das Pärchen wanderte weiter diskutierend aus unserem Blickwinkel.

Die Tische auf Deck hatten sich weiter aneinandergeschlichen, und die ursprünglich festgefügten Gruppen an den einzelnen Tischen waren zu einer verschmolzen, die das ganze Geschehen nun eingehend diskutierte. Selbst die Kellnerinnen hatten sich zu uns gesetzt und spekulierten eifrig über die Gründe der soeben hautnah erlebten Inszenierung. Nach einer weiteren Weinschorle nahmen wir Abschied, und die Damen, denen ich so vorurteilsbeladen gegenübergetreten war, winkten uns freundlich nach, als wir den Steg hinauf zur Promenade stiegen. „Und fangt bloß keinen Streit miteinander an!“ hörte ich eine rufen. Wir überquerten die Brücke auf dem sich das Spektakel zugetragen hatte, und weil wir uns vom Schiff aus weiter beobachtet fühlten, verpasste mir Anna einen leichten Nackenschlag und schrie dabei laut „du Wüstling!“, während ich hinter ihr herrannte, sie packte und so tat, als wolle ich sie über das Brückengeländer werfen. Mit einem befreiten, ausgelassenen Lachen verbeugten wir uns albern vor unserem Publikum, winkten den Schiffsdamen und gingen unseres Weges.

 

Rechtsanwalt Gerd Meister, Mönchengladbach

 

 


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