Kampf mit dem Gepäck, Striptease im Flieger und Pornos an Bord: Erbauliches von einer Dienstreise



Veröffentlicht am 11. Juni 2012 von

Michael O`Leary, Foto: Janwikifoto

Ein lustiges Rätsel für unsere strafblog-Besucher: Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich irgendwo in einem europäischen Flughafen im Wartebereich vor dem Flugsteig und beobachten erwachsene Menschen, die sich bei Außentemperaturen von annähernd 30 Grad Celsius vor den Augen aller Mitreisenden drei Pullover über die zuvor schon übergestreiften 5 T-Shirts ziehen und auch 2 Jeanshosen übereinander tragen. Daneben sehen Sie ein verzweifeltes Paar, das den geöffneten Koffer auf den Boden auskippt, um das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen und die schwierige Entscheidung zu treffen, auf welche Reiseutensilien am ehesten verzichtet werden kann. Ein gewichtiger junger Mann trampelt ebenso verzweifelt auf der mitgeführten Reisetasche herum, um diese auf eine Höhe von maximal 20 Zentimetern zu verschlanken, während eine Mutter mit zwei kleinen Kindern erregte Gespräche mit dem Personal der Airline führt, weil sie nicht einsehen will, dass ein einziger Zentimeter zu viel in der Höhe, Länge oder Breite ihres Handkoffers dazu führen soll, dass sie das Bordgepäck nicht mitnehmen darf oder einen absurden Aufpreis zahlen muss. Von welcher Airline rede ich? Richtig, die Rede ist von dem fröhlich-gelbblauen irischen Billigflieger Ryanair, der schon rein optisch an Guidos legendäres Spaßmobil erinnert und eine Liberalität der ganz besonderen Art ins europäische Reisegeschehen eingeführt hat.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich hoch über den Wolken auf dem Weg von Palma nach Bremen in einer dieser lustigen gelbblauen Maschinen mit den harten, nicht verstellbaren Sitzen und überlege, was die Menschen eigentlich dazu treibt, sich dem absurden Diktat des Ryanair-Chefs Michael O´Leary zu unterwerfen. Ich selbst habe eine Entschuldigung, weil ich mich aus beruflichen Gründen veranlasst sah, ganz kurzfristig zu fliegen, und leider passte kein anderer Flieger für den Rückflug zeitlich ins Konzept. Dabei war der Flug nicht einmal billig, weil ich ihn so spontan gebucht habe, aber die Dame neben mir hat nur 69 Euro inklusive aller Nebenkosten bezahlt, wie sie mir glaubhaft versicherte, und ihr Hinflug hat sogar nur 39 Euro gekostet. Bei diesen Konditionen nimmt der preisbewusste Reisende anscheinend so manche Einschränkung in Kauf oder er wird beim Check-In oder beim Boarding von der wenig liberalen Praxis der Airline überrascht. Hätte er doch nur die zahlreichen Hinweise auf der Webseite von Ryanair genauer gelesen oder diese einfach inhaltlich ernst genommen.

Schon bei der Online-Buchung meines Fluges war mir aufgefallen, dass sich die Konditionen seit meiner letzten Buchung bei dem Preiskampf-Ir(r)en zum Nachteil der Kunden verändert haben. So kostet die Hinzubuchung eines Koffers mit bis zu 15 Kilo Gewicht jetzt 25 statt früher 15 Euro. Jedes Kilo Übergepäck wird mit satten 20 Euro berechnet und wer seine Onlinebordkarte zuhause oder im Hotel vergessen oder diese auf dem Weg zum Flughafen verloren hat, der muss jetzt ein Strafgeld von 60 Euro statt früher 40 Euro zahlen. Soweit mir bekannt ist, verlangt keine andere Fluglinie für eine solch banale Leistung wie das Ausdrucken einer Bordkarte Strafgelder – und dann auch noch in so absurder Höhe – von ihren Kunden.

Das Ryanair-Prinzip funktioniert so, dass die Reisenden nach Möglichkeit nur mit einem Handgepäckstück von bis zu 10 Kilo Gewicht in den Urlaub fliegen sollen, um so Wartezeiten durch die Gepäckabfertigung zu verkürzen. Wer damit nicht auskommt und partout noch einen Koffer aufgeben will, muss den oben erwähnten Aufpreis zahlen. Macht für Hin- und Rückflug immerhin 50 Euro zusätzlich pro Koffer, das muss man in Erwägung ziehen, wenn man Preisvergleiche anstellt. Und mit dem Handgepäck ist das so eine Sache. Das darf nämlich keinesfalls die Maße 20x40x55 Zentimeter überschreiten. Da gibt es so lustige blaugelbe Metallgestelle, die stehen zumeist neben dem Boarding-Schalter, und wehe, das Gepäckstück passt da nicht rein. Das – zumeist weibliche – Personal ist da gnadenlos, die Mädels verlieren wohl ihren Job, wenn sie mal die Augen zudrücken. Ich habe es schon erlebt, dass ein Kind einen kleinen Bordkoffer dabei hatte, der weit unter den vorgeschriebenen Maßen lag. Nur die Räder, die standen etwas weit ab, und deshalb passte das Gepäckstück nicht in das vermaledeite Gestell. Pech gehabt, da half keine noch so engagierte Diskussion. Vor den Augen seines weinenden Kindes trat der erregte Vater schließlich mit roher Gewalt die Räder von dem rotkarierten Koffer ab und fragte die streng dreinblickende Ryanair-Mitarbeiterin, ob sie jetzt zufrieden sei. Sie war es offensichtlich, denn Vater und Kind durften den Schalter mit dem demolierten Koffer passieren.

Ach ja, ein weiteres Handicap ist, dass wirklich nur ein Bordgepäckstück zugelassen ist. Auch Laptops, Schminktäschchen oder Fotoapparate gelten als Gepäckstück und müssen in dem Köfferchen untergebracht werden. Das steht ausdrücklich in den Gepäckbestimmungen, aber wer liest die denn schon im Detail, wenn er oder sie mit solcher Erbsenzählerei einfach nicht rechnet? Manch ein Reisender versucht schon mal, ein klein wenig Zusatzgepäck unter der Oberbekleidung zu verbergen, aber das geschulte Personal beobachtet König Kunde mit Argusaugen, und so sind die Chancen für so einen Minibetrug nicht übermäßig gut.

Und wehe, dein Koffer ist zu schwer. Da wird grammgenau gewogen, zu schweres Gepäck wird ebenso wie zu großes abgelehnt und muss dann im Gepäckraum gegen 50 Euro Aufpreis transportiert werden. Das führt dann bisweilen zu dem eingangs beschriebenen dramatischen Szenario der Gepäckreduzierung, wobei nachher im Flieger zu beobachten ist, dass sich die Leute wie die Schlangen häuten, indem sie sich im Gang zwischen den Sitzen ihrer mehrschichtigen Kleidungsstücke wieder entledigen und diese zurück in den Handkoffer stopfen. Immerhin schauen die Bordstewards da zumeist geflissentlich weg oder werfen nur den einen oder anderen amüsierten Blick auf die nicht immer erotische Striptease-Aufführung.

Wer jetzt glaubt, solch kundenunfreundliches Gehabe könne sich am Markt auf Dauer nicht durchsetzen, der irrt möglicherweise. Bislang jedenfalls funktioniert das Konzept des verrückten Iren. Und der kokettiert gerne mit seinen Absurditäten und brütet unablässig über neuen Ideen, wobei es fast schon egal ist, ob diese in die Realität umgesetzt werden oder nicht. Den Kunden scheint nichts zu verschrecken, so lange er das Gefühl hat, billig zu fliegen. Da war schon mal die Rede von Gebühren für die Benutzung von Bordtoiletten, von Stehplätzen im Flieger oder von Pornovorführungen im Bordkino in Anwesenheit von Kindern. „Alles Blödsinn“, meint O´Leary in einem lesenswerten Interview bei welt.de vom 20.5.2012, aber bis jetzt habe noch jedes Gerücht – auch über Verschlimmerungen im Kundenumgang – zu Umsatzsteigerungen geführt. Insoweit will er sich auch gegen Negativnachrichten, die seine Person oder seine Airline betreffen, nicht wehren, sondert fördert diese bisweilen sogar, frei nach dem Motto: „Jede Nachricht ist besser als keine Nachrichten“.

Und außerdem ist die Welt seiner Meinung nach ohnehin voller Idioten, egal, ob das Politiker, Airline-Chefs, Brüsseler Bürokraten oder eben seine Fluggäste sind. Und eine Lösung für die Eurokrise hat der Mann auch parat: „Alle Politiker an die Wand stellen und erschießen“, wird er bei welt.de zitiert. Ob das den Tatbestand des öffentlichen Aufforderns zur Begehung von Straftaten im Sinne des § 111 StGB erfüllt, sei an dieser Stelle dahingestellt.

So, ich bin inzwischen an meinem Reiseziel angekommen, habe trotz der unkomfortablen Sitze im Flieger nur unwesentliche Rückenschmerzen und mein Gepäck ist vollständig. Was will ich mehr. Und eine wenig ohrenschmeichlerische Fanfare hat direkt nach der Landung über Bordlautsprecher die Nachricht eingeläutet, dass auch dieser Flug „just in time“ gelandet ist, so wie mehr als 90 Prozent aller Ryanair-Flüge im letzten Jahr. Da unterscheidet sich der Irre, pardon: der Ire, positiv von der Deutschen Bahn.


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