Languren, frische Luft und die Unschuldsvermutung



Veröffentlicht am 27. Juni 2012 von

Wie jeder Strafverteidiger betreute Dr. Strathmann hin und wieder Aidskranke, denen sein aufrichtiges Mitgefühl galt. Er überlegte, ob „Mitgefühl“ das richtige Wort war, oder ob er, angesichts seiner eigenen Vergangenheit, einfach nur Angst hatte, ebenso krank und ausstößig zu werden. Ja, möglicherweise ging es beim „Mitgefühl“ im Grunde nur darum? Es hatte allerdings Zeiten gegeben, in denen er mit der Krankheit unbefangener umgegangen war. Wie jeder, wusste er, dass man sich durch Handschütteln normalerweise kein Aids einfangen konnte, und dennoch brachte ihn die irrationale Angst vor Ansteckung heute in den Konflikt, der Angst nachzugeben oder sich unmenschlich zu fühlen.

Der Gewahrsamsbeamte schloss die schwere, hellgraue Eisentüre auf. Ein zooiger Käfiggeruch schlug ihm entgegen, und der kleine Gefangene setzte sich von seiner Betonpritsche auf. Er blinzelte hoch zur Neonröhre und sah sich irritiert in der fensterlosen Zelle um, die nur durch einen mit Aluminiumlamellen verdeckten Luftschlitz sparsam belüftet wurde. Wie fast allen Verdächtigen in Totschlagsverfahren hatten sie ihm seine Kleidung weggenommen und ihn in einen weißen Polyester-Overall gesteckt. Er wirkte abgemagert. Sein braunes Gesicht und die ebenso braunen Hände und Füße, die aus dem weißen Plastik ragten, bildeten den einzig starken Kontrast im Raum. Frische Luft und Unschuldsvermutung sind flüchtige Güter. Erst ihre Abwesenheit macht sich unangenehm bemerkbar. Wie jedes Mal, wenn Strathmann eine solche Zelle betrat, fragte er sich, ob dieser Staat nicht anders mit seinen Problemkindern umgehen konnte. Nicht dass er ein Hotelzimmer erwartete, aber wenigstens ein vergittertes Fenster und ein Bett, vielleicht ein Schreibtisch mit einem Aschenbecher und ein Bild an der Wand, müssten doch für die nach dem Gesetz angeblich Unschuldigen drin sein. Und in der sich wohl auch in diesem Fall anschließenden Untersuchungshaft würde es nicht besser. Allein in den letzten 14 Tagen hatten sich drei Knackis im Hafthaus aufgehangen, wofür Strathmann jedes Verständnis hatte.

Der Polizeibeamte zeigte ihm den mit dreckigen braunen Punkten besprenkelten Rufknopf, der unmittelbar neben der Tür und Nirosta-Kloschüssel in der Wand eingelassen war. „Klingeln Sie nach mir, wenn Sie fertig sind.“

Strathmann nickte deprimiert. „Gibt´s hier auch einen Stuhl, auf den ich mich setzen könnte?“, aber schon hörte er die Türe zuschlagen und das mehrfache metallische Klacken des Schlosses.

Der kleine Inder behielt die zwei möglichen Meter Abstand und schaute ihn aus dunkelbraunen, beinahe schwarzen Augen unsicher an.

„Rechtsanwalt Strathmann. Ihre Bezugsbetreuerin aus dem Wohnheim hat mich beauftragt, mich um Sie zu kümmern.“

Der neue Mandant machte eine verneinende Kopfbewegung und Strathmann erinnerte sich an seine Reise durch Indien, kurz nach dem Abitur. Mit dem Fahrrad war er die über 1000 km entlang des Indischen Ozeans in zwei  Monaten von Khyberpass  bis nach Goa geradelt, und nie würde er die anfänglichen Missverständnisse vergessen. Das Kopfschütteln bedeutete in diesem Kulturkreis ein aufmunterndes „Ja“. Ein bittendes, hoffnungsvolles „Sprich weiter …“.

Er hatte wohl zu schnell gesprochen. „Kathrin schickt mich.“, wiederholte er langsam und überdeutlich.

Bei dem Namen „Kathrin“ ging in dem Gesicht seines Gegenüber eine indische Sonne auf, eine Sonne, die Strathmann mit knapp 20 einst an den einsamen Stränden des indischen Ozeans geweckt und ihm Mut gemacht hatte, durch den Dschungel, ohne Ziel, immer weiterzufahren. Languren-Affen hatten Stöcke von den Tamarindenbäumen nach ihm geworfen, was ihn damals belustigt hatte.

Der Mandant strahlte über das traurige Gesicht und machte einen Schritt auf Strathmann zu. Er streckte dankbar seine mit Heftpflastern verklebten Hände aus, und Strathmann machte unwillkürlich einen Schritt nach hinten gegen die kalte Stahltüre.

Der kleine Mann verharrte in seiner Vorwärtsbewegung. Sein Lächeln blieb eingefroren in seinem Gesicht stehen.

„Sie haben sich bei der Messerstecherei verletzt!“, versuchte Strathmann, sich zu retten und fühlte sich dabei beschissen.

„Kathrin hat mir alles erzählt!“, sagte er und faltete mit einer angedeuteten Verbeugung seine Hände zu einem unkörperlichen hinduistischen Gruß, der keinen Körperkontakt notwendig machte.

Damals mit 20 hatte er diesen Gruß noch nicht beherrscht. Er erinnerte sich plötzlich: Gegen Mittag hatte ihn ein staubtrockner, erdiger Weg mitten im Dschungel in ein Dorf geführt. Er hatte sein schwerbepacktes Fahrrad an eine palmbedachte Hütte gelehnt und war der enthusiastisch winkenden Einladung des Besitzers folgend, die drei knarzenden Stufen hoch zur Veranda gestiegen. Der dünne Inder hatte hastig Korbsessel um einen wackeligen Holztisch gerückt, seine beiden Hände ergriffen und ihn sanft in einen Sessel gedrückt, während er seiner Frau zurief, sie solle schnell Tee bringen. Unentwegt sprach er dabei in einem Kauderwelsch aus indischem Dialekt und englischen Brocken freundlich auf ihn ein. Irgendwo hatte eine Glocke geläutet. Aus den umliegenden Hütten und dem größeren Schulgebäude waren die Dorfbewohner, allen voran die Kinder, geströmt und hatten sich fröhlich, aber schüchtern, vor der Veranda versammelt.  Die Frau seines Gastgebers hatte ihm mittlerweile in einem dünnwandigen Glas Tschai mit frischen Salbeiblättern serviert. Ermutigt von ihrem Lehrer trauten sich die Kinder nun näher heran, und er war aufgestanden und hatte jedem Kind über die Geländerbrüstung hinweg die Hand gereicht. Der Lehrer hatte ihn für die Nacht in sein Haus eingeladen. Noch spätabends saßen sie vor seiner Hütte, und nach einigen Gläsern gegorener Kokosmilch erfuhr er, dass der letzte Weiße, das Dorf vor 15 Jahren besucht hatte.

Kurz vor dem Schlafengehen war die Frau des Lehrers mit der 16-jährigen Tochter von einem Besuch ihrer Eltern aus dem Nachbardorf nach Hause gekommen. Sie hatten plötzlich in ihren bunten Saris unter dem dunklen Sternenhimmel vor ihnen gestanden, und noch während der Lehrer sie hatte vorstellen wollen, war Strathmann, der inzwischen beschwipst war, aufgesprungen und hatte der Frau und der Tochter die Hände geschüttelt. Eine peinliche Pause entstand. Strathmann war irritiert. Er suchte den Blick der Frauen, die verlegen einen Schritt zurück getreten waren und ihre Köpfe gesenkt hielten. Plötzlich nahm er die getrommelten Rhythmen wahr, die von einem anderen Dorf her durch den Dschungel drangen. Der Lehrer hatte seinen Arm um Strathmanns Schulter gelegt und ihm den hinduistischen Gruß erklärt, mit dem ein Mann, zur Vermeidung von Missverständnissen, einer fremden Frau mit  Respekt gegenüber zu treten hatte. Frau und Tochter hatten ihn daraufhin angelächelt, die Hände gefaltet und sich mit eben jenem Gruß vorbildlich für die Nacht verabschiedet. Seit Wochen war es die erste Nacht gewesen, in der er in einem Zimmer geschlafen hatte. Am nächsten Morgen war er auf sein Rad gestiegen und weitergefahren.

´Verdammt lang her!´, dachte er, hockte sich mit der Zellentüre als Rückenlehne auf die Fußsohlen und bedeutete dem neuen Mandanten, sich auf die Pritsche zu setzen. So gut es ging, erläuterte er ihm, wie es weitergehen würde, dass er die Nacht in der miesen Zelle verbringen musste, um am nächsten Morgen, dem Haftrichter vorgeführt zu werden. Er fragte nach Angehörigen, die man verständigen könnte, aber der Mann schüttelte nur den Kopf und fragte nach einer Zigarette. Mit einem Ekelgefühl drückte Strathmann den Klingelknopf. Der Polizist öffnete die Tür und verwies auf ein Nichtraucherschild. „Tut mir leid!“, sagte er.

Strathmann fragte, ob man sich wenigstens um die Aidsmedikamente für den Inhaftierten gekümmert habe. Der Polizist zuckte mit den Schultern. Strathmann trat hinaus aus der Zelle und rief zunächst die Betreuerin seines Mandanten, dann die Mordkommission an. Wie ein Tiger im Käfig schritt er mit dem Handy am Ohr den gekachelten Flur des Zellentraktes auf und ab, bis er endlich den Sachbearbeiter davon überzeugt hatte, jemanden in die versiegelte Wohnung zu schicken, um die lebenswichtigen Medikamente zu besorgen. Mit einem indischen Gruß verabschiedete er sich bis zum nächsten Morgen bei dem Klienten, und der Gewahrsamsbeamte verschloss wieder die schwere Türe.

Strathmann verließ das Polizeigebäude und trat hinaus an die frische Luft. Es war Sommer, aber der Himmel war grau, und es hatte begonnen zu regnen.

 

Rechtsanwalt Gerd Meister, Mönchengladbach

 

 


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