Referendare sind doof!



Veröffentlicht am 10. März 2015 von

 

Es ist durch nichts belegt, aber ich vermute, dass es seit dem Australopithecus, der vor ca. 4 Millionen Jahren in Afrika gelebt hat und der zu den Ersten der Gattung Homo zählt, Generationenkonflikte gibt. Die Alten blicken skeptisch bis hoffnungslos auf die Jugend und den mit der heranwachsenden Generation bevorstehenden Untergang von Kultur und Gesellschaft, und die Jugend hält die Alten zumindest  für halsstarrig. „Die heutige Jugend…“ und „Früher war alles besser“ gehört im Wortsinne zum althergebrachten Standardrepertoire der Alten. Das Gegenrepertoire der Jugend ist mir gerade altersbedingt entfallen. Es gibt das aber, soweit ich mich erinnere.

Dem Konflikt liegen naturgemäß unterschiedliche Ansichten auf die Welt zugrunde, ohne dass alleine damit ein Urteil über die jeweilige Qualität der Ansichten oder der Welt zu fällen wäre. Überhaupt erscheint die Beurteilung der Qualität einer Ansicht oder einer Betrachtungsweise schwierig, ist sie doch von der Perspektive abhängig. “ Hey, geh mal zur Seite, damit ich die Welt von deinem Standpunkt aus sehen kann!“, funktioniert in den seltensten Fällen. Auch die Antwort hierauf „Alter, wenn du schon auf meinem Platz stehst, zieh wenigstens deine Brille auf“ –  oder umgekehrt – „Soll ich dir mal meine Brille leihen, Jungspund?“ – ändert leider nichts daran, dass ein Standpunkt allenfalls örtlich eingenommen werden kann, dieser aber durch den Erfahrungshorizont und nicht durch Geodaten verortet bleibt. Schon der alte Heraklit hat dieses Phänomen mit seinem „Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu“ zum Ausdruck gebracht. Es geht also um die Frage der Beurteilung subjektiver Erkenntniswerte, die natürlich nicht nur im Generationenkonflikt zum Tragen kommt, sondern zwischen den Subjekten grundsätzlich Probleme verursacht. Um es mit Sartre zu sagen: „Das Böse sind die anderen!“ Reduziert auf den Generationenkonflikt kann man auch sagen: Früher war alles besser!

Diese unumstößliche Tatsache wurde neulich mal wieder in einer Hauptverhandlung beim Amtsgericht bewiesen. Mein Mandant und der Mitangeklagte sollten sich wegen des Vorwurfs einer gemeinschaftlich begangenen Körperverletzung zum Nachteil von zwei ebenfalls jungen Männern verantworten. Die Beweislage war nach Aktenlage diffizil, und ich hatte mir schon die Frage gestellt, ob nicht die vermeintlichen Opfer viel eher auf die Anklagebank gehörten. 10 Minuten vor der Hauptverhandlung standen wir  wartend vor dem Gerichtssaal, als die beiden „Opfer“ die Treppe zum 1. Stock hinaufstiegen. Sie kamen direkt auf uns zu und schüttelten den beiden Angeklagten die Hand.

„So ein Quatsch, dass wir uns tatsächlich vor Gericht wiedersehen müssen. Wir jedenfalls haben keine Anzeige erstattet!“, sagte das eine Opfer.

„Ja, ist blöd gelaufen. Tut uns echt leid, was da bei McDonald´s passiert ist. Aber ihr wart auch nicht ganz schuldlos.“, sagte das andere Opfer.

„Mann, ist doch gar nichts wirklich passiert. Aber ihr habt Recht! Wir waren halt alle besoffen. Scheiß Alkohol! Tut uns auch leid. Das war alles ziemlich bescheuert.“, erwiderte einer der Angeklagten.

„Schwamm drüber. Wechselseitige Entschuldigungen angenommen!“, sagte der andere. „Dann könnten wir jetzt eigentlich zusammen ein Bier trinken gehen, wenn diese doofe Verhandlung nicht wäre.“

Eine korpulente Frau, die auf der neben dem Gerichtssaal liegenden Besucherbank gesessen hatte, erhob sich von ihrem Platz und trat zu unserer Gruppe hinzu.

„Worüber unterhalten Sie sich hier eigentlich. Dürfen Zeugen überhaupt mit den Angeklagten reden? Ich habe die Anzeige erstattet. Und ich bleibe bei meiner Aussage: Die da sind brutale Schläger!“ Dabei zeigte sie mit ihrem dicken Finger auf die beiden Angeklagten und stiefelte dann wieder zur Bank zurück, von wo aus sie uns weiter argwöhnisch beobachtete. Ihre Ohren unter der Kurzhaarfrisur schwenkten wie kleine Satellitenschüsseln in unsere Richtung. Sie nahm akustische Peilung auf,  und daher konnte ihr nicht entgehen, wie eines der „Opfer“ laut und deutlich sagte:

„Was ist das denn für eine Gewitterziege?!“

Zum Glück wurde die Verhandlung aufgerufen. Nach der Anklageverlesung wies ich das Gericht auf die indifferente Aktenlage und die Tatsache hin, dass sich die „Parteien“ vor dem Gerichtssaal versöhnt und wechselseitig entschuldigt hatten. Noch ehe ich das Wort „Verfahrenseinstellung“ mit weiteren Argumenten untermauern konnte, schüttelte die sehr junge Vertreterin der Staatsanwaltschaft energisch den Kopf. Eine Referendarin, die aussah wie eine, die es bereits mit 15 in die Oberprima geschafft hatte. So eine mit wohlgeformten, spitzen Ellbogen und strahlend weißen, scharfen Zähnen, die sich so gerade von der Zahnspange befreit hatten und jetzt darauf lauerten, endlich mal kräftig zuzubeißen. Ich betrachtete die Referendarin näher. Sie war eindeutig hübsch anzusehen, mit einer Ausstrahlung, die die frohe Botschaft verkündete: „Ich hab nicht nur jahrelang artig meinen Lebertran gelöffelt, sondern auch die Weisheit schlechthin. Euch werde ich es zeigen – ihr alten Säcke und Säckinnen!“

Der Richter zuckte mit den Achseln. „Vielleicht hören Sie erstmal zu, was der Verteidiger für weitere Argumente hat? Ich könnte dem Vorschlag nach Aktenlage durchaus zustimmen und habe selbst schon in diese Richtung geda …!“

Die letzten Buchstaben „…cht“ seines Satzes wurden von einem „Nein!“ der Referendarin plattgewalzt. „Dann will ich erst mal die Opfer hören, ehe ich überhaupt anfange über eine Verfahrenseinstellung nachzudenken! Immerhin handelt es sich um einen schweren Tatvorwurf!“ Dabei strich sie sich ihre braunen, glänzenden Haare hinters Ohr, ohne dabei eine Miene zu verziehen. So wie eine Hollywood-Diva in einem Schwarz-Weiß-Film aus den frühen 60igern. Ich war beeindruckt, denn irgendwie hatte sie mit ihrem Argument ja vielleicht sogar Recht, und die alten Filme haben mir schon immer gefallen.

Über die Art ihrer Darbietung sichtlich verärgert rief der Richter das erste Opfer in den Zeugenstand. Das Opfer bestätigte meinen Vortrag und fügte hinzu, dass er null Interesse an einer Bestrafung der Angeklagten habe. Schließlich könne er gar nicht mehr sagen, wer eigentlich mit dem banalen Streit angefangen habe.

Hiernach blickte der Richter fragend die Frau Referendarin an, die wieder den Kopf schüttelte. „Nein!“, sagte sie. „Jetzt will ich noch das andere Opfer hören!“

Als auch dessen Aussage keine andere Beurteilung zuließ, schaute der Richter erneut  zur Referendarin: „Und?“, fragte er. „Wollen Sie jetzt vielleicht mal mit ihrem Ausbilder telefonieren? Oder sollen wir uns noch die anderen 6 Zeugen anhören, wobei – das sage ich Ihnen direkt – einer heute entschuldigt abwesend ist. Wir müssten wegen meines engen Terminkalenders dann irgendwann nach den Sommerferien noch mal komplett neu mit der Beweisaufnahme anfangen.“

Aber die Ohren der Referendarin waren offenbar für Argumente jedweder Art versiegelt. Sie verzog ihren schönen Mund zu einem ein Lächeln andeutenden Schlitz. Ein so enger Schlitz, dass auch dort kein auf Büttenpapier geschriebenes und in einem feinen Briefumschlag verpacktes Argument je hineinpassen würde.

Wiederum sagte sie „Nein!“. „Ich sehe keine Veranlassung anzurufen. Ich bin gegen eine Einstellung des Verfahrens und werde meinen Ausbilder daher auch nicht fragen, ob er das anders sieht!“

Der Richter schlug daraufhin die vor ihm ausgebreitete Akte zu, blickte in Richtung Himmel und dann kopfschüttelnd zu mir. Dabei diktierte er dem amüsierten, älteren Schriftführer  ins Protokoll:

„Das Verfahren wird ausgesetzt. Neuer Termin von Amts wegen. Die Staatsanwaltschaft wird zum nächsten Termin darum gebeten, keinen Referendaren, sondern einen ordentlichen Staatsanwalt zu entsenden.“

Während er so protokollierte, beobachtete ich weiter die Referendarin. Sie verzog immer noch keine Miene. Ich überlegte, wie ich damals als Referendar war. Bestimmt nicht so selbstsicher und beratungsresistent. Aber auf der anderen Seite: Wie oft habe ich mich schon über junge, mutlose  Menschen aufgeregt, die angesichts von Autoritäten zu feige sind, ihren Standpunkt durchzufechten! War sie wirklich so mutig, oder hat sie nur die Anweisung ihres Ausbilders sklavisch befolgt „Egal, was kommt. Keine Zustimmung zur Verfahrenseinstellung.“?

Ist ja auch egal. Warum soll ich mir das Leben schwer machen? Referendare sind doof. Früher war alles besser.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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