Verfahrensvorbereitung in Wellness-Oase und Saunaclub? Der Mann kennt die ja ganze Akte auswendig, Donnerwetter!



Veröffentlicht am 13. August 2013 von

Die erstmalige Inhaftierung ist für die meisten Menschen eine reichlich schockierende Erfahrung, die erst einmal verdaut werden muss. Zumeist beginnt der Knast in der Untersuchungshaft, die Betroffenen haben sich oft genug  nicht mental auf die neue Situation einstellen können, weil die Festnahme und anschließende Inhaftierung überraschend erfolgt ist.

So ein „besonderes Gewaltverhältnis“ hat es in sich, von jetzt auf gleich bist du in vielen Alltagsangelegenheiten quasi entmündigt, die bis dato ach so selbstverständlichen Freiheitsrechte sind auf ein Minimum reduziert. Als Häftling kannst du deinen Tagesablauf nicht mehr selbst planen, vom Wecken über die Mahlzeiten, den Freigang, das Duschen oder die Zuteilung von Arbeit ist alles reglementiert. Mannigfaltige Dinge außerhalb der Haftanstalt sind zu klären, wer da keine Hilfe von Freunden und Verwandten hat, ist ziemlich aufgeschmissen. Die sozialen Dienste der Haftanstalten können nur in begrenztem Umfang Hilfe leisten. Was geschieht mit der Wohnung? Wer sagt dem Arbeitgeber Bescheid? Muss ich jetzt kündigen oder wird mir gekündigt? Kann ich meine Versicherungen und andere Dauerschuldverhältnisse kündigen oder aussetzen? Wovon lebt meine Familie, wenn ich kein Geld mehr verdiene? Was mache ich mit meinem Auto, soll ich es verkaufen – wenn ja, wer macht das für mich? – oder warte ich lieber, bis ich absehen kann, wie lange die Untersuchungshaft dauert? Bin ich jetzt über die Anstalt krankenversichert? Fragen über Fragen, das dauert, sich einen Überblick zu verschaffen.

Hinzu kommt oft genug die Angst vor dem Verlust des Partners, hält die Beziehung die Haftsituation aus? Und dann natürlich die Ungewissheit, was aus dem Verfahren wird. Wie lange wird der Freiheitsentzug dauern, muss ich möglicherweise mit jahrelanger Haft rechnen?

Menschen gehen unterschiedlich mit solchen Situationen um, die einen sind stur und dickfellig und warten mit einer gewissen Gelassenheit, was da kommt, andere sind sensibel und dünnhäutig und zerbrechen daran oder brauchen zumindest eine lange Zeit, bis sie eine innere Einstellung gefunden haben, die ihnen das Überleben möglich macht.

Ein ganz besonderer Untersuchungshäftling ist Roland K. (Name geändert). Mehr als eineinhalb Jahre sitzt er schon in Untersuchungshaft, erstinstanzlich wurde er zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt, das Berufungsverfahren läuft. K. war früher selbstständiger Unternehmer, über viele Jahre ging es ihm richtig gut. Er ist zu Unrecht inhaftiert, sagt er, Opfer einer Intrige sei er geworden, aber er kämpft dagegen an. Ich habe die Verteidigung erst im Berufungsverfahren übernommen, habe schon recht viele Stunden mit ihm verbracht und die Aktenlage und andere Dinge besprochen, aus meiner Sicht spricht manches dafür, das K. Recht hat. Ganz überwiegend zumindest. Das müssen wir jetzt dem Gericht klar machen, ich hoffe für K., dass uns das gelingen wird. Eine Haftbeschwerde ist gerade beim OLG anhängig, mal sehen, was daraus wird.

K. hat seine Einstellung zum Knast gefunden, ihn zerbricht so leicht nichts. Ein „Kindergarten“ sei das hier, meinte er einmal zu mir, und die Vollzugsbediensteten, die ihn anfangs für einen gefährlichen Gewalttäter gehalten hätten, gingen jetzt ganz locker mit ihm um. Manch einer von denen glaube inzwischen auch, dass er unschuldig sei, man frage ihn oft, wie es denn aussehe mit der Berufung und wann er entlassen werde. K. hält es aus  in der Haft, es wird schon der Tag kommen, an dem er wieder frei ist.

K. hat diverse Kose- und Spitznamen für die verschiedenen Verfahrensbeteiligten erfunden, über die er mir mit „Verteidigerpost“ schreibt, manchmal muss ich schmunzeln oder sogar lauthals lachen, wenn ich besonders originelle Formulierungen lese. „Wellness-Oase und Saunaclub Mönchengladbach“ stand als Absenderadresse auf dem letzten Schreiben, das K. mir schickte, ich verstehe das als subtile Anspielung auf das Luxusleben im Knast.

Ein paar tausend Seite umfasst die Akte, das gibt es eine Menge zu lesen für einen Verteidiger. K. hat die Zeit im Knast genutzt, sich intensiv damit  zu befassen, jedes Blatt hat er dutzende Male von vorne nach hinten und zurück gelesen, keine Zeile, die er nicht in seinem Kopf hat. Zumeist weiß er auch ganz genau, wo was steht, ich muss ihn nur fragen, dann greift er sich zielgerichtet einen der voluminösen Aktenordner und findet die Fundstelle in atemberaubend kurzer Zeit. „Sie kennen die Akte ja gar nicht richtig“, hat er mir in einem frühen Stadium meiner Tätigkeit in der Sache mal vorgehalten, und wenn ich meine Aktenkenntnis mit seiner vergleiche, dann hat er zweifellos Recht. „Ich werde die Akte niemals auch nur ansatzweise so gut kennen wie Sie“, habe ich ihm damals geantwortet, „aber das muss ich auch nicht. Wichtig ist, dass ich mir gemeinsam mit Ihnen das Wesentliche erarbeite und in der Hauptverhandlung weiß, worauf es ankommt, da dürfen Sie mir und meiner Routine schon vertrauen. Und im Zweifel habe ich ja Sie und kann sie fragen. Umgekehrt haben Sie in der Verhandlung jederzeit die Möglichkeit, mich auf für wichtig gehaltene Dinge aufmerksam zu machen“.

K. hat die Akte während der Haft regelrecht seziert und hunderte Seiten von Notizen gemacht, auf denen Ungereimtheiten, tatsächliche und vermeintliche Widersprüche und Fragenkataloge an die Zeugen aufgelistet sind. Als Verteidiger muss man damit umgehen können, man muss auf den Mandanten eingehen und dann aber auch Grenzen setzen. Nicht jede noch so kleine Kleinigkeit kann im Verfahren erörtert werden, sonst besteht die Gefahr, dass man sich in Einzelheiten verliert und den Blick für das große Ganze verliert. Weniger ist manchmal mehr, wenn man die Big Points macht, und das lässt sich nur bedingt vorausplanen. So eine Hauptverhandlung ist ein dynamischer Prozess, man muss die wichtigen Argumente auf der Palette haben und die richtigen Karten dann ziehen, wenn es passt. Das hat K. durchaus verstanden, er ist ein intelligenter Kerl.

Wir verstehen uns inzwischen wunderbar. Er vertraut mir und akzeptiert meine Kompetenz und Erfahrung, und ich profitiere durchaus von seiner phänomenalen Aktenkenntnis. Da sollte doch was aus der Berufung werden, hoffe ich. Dank Wellness-Oase und Saunaclub!


Kategorie: Strafblog
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